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Zur Lage der deutschen Fußball-Nation

22. 06. 2008 - Enrico Barz

Nun steht die deutsche Fußball-Nationalmannschaft doch tatsächlich im Halbfinale der EURO 2008. Was im Vorfeld der EM durchaus nicht ausgeschlossen schien, und was sich während der vergangenen zwei Jahre auch andeutete, wurde im bisherigen Turnierverlauf ein ums andere Mal in Frage gestellt. Doch gerade rechtzeitig hat das DFB-Team die Kurve bekommen.

Der Weg auf den Gipfel ist steinig

Es ist nach wie vor kein Geheimnis, dass die "Bergtour 2008" für Deutschlands Kicker gemäß den eigenen Einsprüchen bis auf den Gipfel führen soll. Der Auftakt ins Turnier gestaltete sich vielversprechend. Der 2:0-Sieg gegen Polen nährte die Hoffnungen. Die Sorgenkinder Christoph Metzelder oder Jens Lehmann wurden mit durchgeschleppt. Andere (Lukas Podolski) blühten zur Überraschung aller plötzlich auf. Für einige aber begann da schon die Krise (Marcell Jansen, Mario Gomez). Und was der Erfolg gegen Polen tatsächlich wert war, zeigte erst der weitere Turnierverlauf. Hier wurde deutlich, dass die Mannschaft von Leo Beenhakker keinesfalls EM-Tauglichkeit besaß.

Weitere Informationen:
• Deutschland - Türkei Vorschau
• Portugal - Deutschland Zum Artikel
• Österreich - Deutschland Zum Artikel
• Kroatien - Deutschland Zum Artikel
• Deutschland - Polen Zum Artikel
• Viertelfinale Übersicht Viertelfinale
• Halbfinale Übersicht Halbfinale

Die deutsche Elf bemerkte dies im zweiten Gruppenspiel gegen Kroatien. Und auch dem Trainergespann um Joachim Löw wurde mindestens eine personelle Fehleinschätzung nochmals deutlich vor Augen geführt. Kroatiens Coach Slaven Bilic hatte ganz genau hingesehen und den Schwachpunkt der Deutschen erkannt - die linke Abwehrseite. Beide Gegentreffer fielen durch deren Zutun. Beim ersten Tor passte Marcell Jansen nicht auf Kroatiens rechten Mittelfeldspieler Darijo Srna auf. Und die Flanke vor dem zweiten Tor wurde auf links zugelassen. Es geht ja nicht allein um die Defensivschwächen des Marcell Jansen. So viel Offensivpotenzial das Duo Jansen/Podolski auch besitzt, der 22-jährige Linksverteidiger konnte bei der Abwehrarbeit kaum einmal auf die Unterstützung von Lukas Podolski bauen. Wie viel Mühe das für einen allein bedeuten kann, bekam sogar der überragende Philipp Lahm gegen die Portugiesen zu spüren, als er sich hin und wieder einer Überzahl gegnerischer Spieler gegenübersah. Der Bundestrainer reagierte also - nicht zu spät. Gegen Österreich rückte Arne Friedrich ins Team. Und Philipp Lahm übernahm die Position des linken Verteidigers.

Die Angst vorm Versagen

Das "Angstspiel" gegen den EM-Gastgeber wurde zu einem ernsthaften Test für das Nervenkostüm der Deutschen. In der Partie gegen hoch motivierte Österreicher gab es mehr zu verlieren als zu gewinnen. Alles andere als ein Sieg wäre einer Blamage gleichgekommen. Zwar hätten unsere Nachbarn die Erinnerung an Córdoba 1978 endlich im Archiv verschwinden lassen können, doch aus deutscher Sicht wäre an dessen Stelle die "Schmach von Wien" getreten. Der Gedanke daran lähmte das DFB-Team. Und so bedurfte es einer Einzelleistung - Ausdruck von Willenskraft und Genialität gleichermaßen - um Deutschland auf die Siegerstraße zu bringen. Ballacks Freistoß zum 1:0 beendete alle österreichischen Hoffnungen.

Die Vorrunde war somit überstanden, das Minimalziel erreicht. Doch zu diesem Zeitpunkt war längst deutlich geworden, dass ein weiterer Verbleib im Turnier auch über das Viertelfinale hinaus einer gehörigen Steigerung bedurfte. Und da der Gegner nun Portugal hieß, befand sich die deutsche Mannschaft angesichts der bis dahin gezeigten Leistungen plötzlich in der Außenseiterrolle. Zudem musste die Mannschaft auf ihren Trainer verzichten. Die UEFA hatte sich tatsächlich der Lächerlichkeit preisgegeben und eine in Fußballfachkreisen bis heute unverständliche Entscheidung getroffen. Jochim Löw wurde für dieses wichtige Spiel gesperrt. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass diese Entscheidung aufgrund von Wahrnehmungsstörungen bzw. schlicht unwahrer Aussagen des vierten Offiziellen Damir Skomina getroffen wurde. Er hatte veranlasst, dass mit "Jogi" Löw und Josef Hickersberger zwei der manierlichsten Trainer des Turniers zunächst auf die Tribüne verbannt und dann zu allem Überfluss mit einer Spielsperre belegt wurden. Dies vor allem auch deshalb, weil der Slowene seine Meinung selbst im Schiedsrichterbericht nicht korrigierte. Somit wurde ein Exempel statuiert - zur falschen Zeit und am falschen Ort. Mittlerweile sind die UEFA und die Selbstdarsteller an der Seitenlinie, auch vierte Offizielle genannt, von dieser rigorosen Linie wieder abgerückt, was gleichzeitig als Eingeständnis einer falschen Entscheidung zu werten ist.

Portugiesen ausmanövriert

Dennoch oder gerade deshalb präsentierte sich die deutsche Mannschaft im Viertelfinale wie ausgewechselt. Joachim Löw hatte seinem Kollegen Hans-Dieter Flick und den Spielern einen taktischen Schachzug mit auf dem Weg gegeben, der den Portugiesen den Wind aus den Segeln nahm. Zwei defensive Mittelfeldspieler, die gemeinsam den Ausfall von Torsten Frings kompensierten, ein offensiverer Michael Ballack und mit Miroslav Klose nur eine Sturmspitze - so begegnete man den Südwesteuropäern, die bekanntlich mit Vorliebe durch die Mitte kombinieren. Zudem nahm Arne Friedrich Portugals Top-Star Cristiano Ronaldo weitgehend aus dem Spiel, so dass die Mannschaft von Luis Felipe Scolari ihr Glück hauptsächlich über die rechte Seite versuchte, wo man auf einen starken Philipp Lahm traf.

Ehe die "Selecção Portuguesa" richtig ins Spiel fand, stand es bereits 2:0 für Deutschland. Die beste Turnierleistung der DFB-Elf führte letztlich zu einem verdienten 3:2-Sieg. Wie wichtig es ist, nicht schon in der Vorrunde überragend aufzuspielen, das beispielsweise wissen inzwischen auch die Niederländer.

Die Türken trotzen allen Widerständen

Nun geht es im Halbfinale gegen die Türkei. Gerade in Deutschland, der Wahlheimat vieler Türken, elektrisiert diese besondere Konstellation die Massen. Rein vom fußballerischen Niveau lässt sich das Team von Fatih Terim mit Sicherheit nicht im Spitzenfeld dieser EURO 2008 einordnen. Darüber hinaus plagen den Trainer, wie nahezu im gesamten Turnierverlauf, massive personelle Probleme. So besteht für die Deutschen durchaus die Gefahr, den Gegner zu unterschätzen. Doch gerade das verbietet sich in einem EM-Halbfinale von selbst - egal wie der Gegner heißt. Zudem sind die Türken in Sachen Moral und Leidenschaft bislang das Maß aller Dinge. Was Ronald Koeman einst über die Deutschen sagte, ließe sich nun im weitesten Sinne auf die Kicker vom Bosporus anwenden: Die Türken geben sich erst dann geschlagen, wenn sie im Bus sitzen.



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